Archiv für Kategorie E-Philosophie
Wissen ist Macht – und Sie sind machtlos!
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 9. September 2007
Wir sind alle gläsern und durchschaubar geworden. In unserer hochtechnologischen Gesellschaft hinterlassen wir ständig Datenspuren. Und all diese Daten-spuren ergeben in ihrer Gesamtheit Ihren persönlichen Datenkörper. Und Ihr Daten-Körper hält nichts von Diäten. Ganz im Gegenteil, er wächst ständig, denn Sie füttern ihn auch ständig mit neuen Datenhäppchen.
Zum Frühstück servieren Sie ihm ein paar Telefonanrufe, die Fahrt im Auto via GPS Navigationssystem, das Einloggen in den Computer, das Abrufen und Versenden von E-Mails; zu Mittag verschlingt Ihr Datenkörper die Kreditkarten-Abbuchung im Restaurant, einen Einkauf mit Kundenkarte, Nachmittags wird der Arztbesuch mit der E-Card gespeichert, und Abends dann noch üppig die Daten Ihrer Online Steuererklärung und Ihrer privaten Surf- und Chat-Gewohnheiten.
Was aber, wenn Sie Ihre persönlichen Daten verschlüsseln möchten, wenn Sie nicht wollen, dass jeder in Ihren Mails mitliest, Ihre Bestellungen überwacht bzw. Ihren Kontostand überprüft? Können Sie etwas dagegen unternehmen? Natürlich, denn es gibt genug Verschlüsselungs-Technologien, die den Zugang zu Ihren Daten zumindest erschweren würden. Aber dürfen Sie das überhaupt?
In Österreich schon noch, denn unsere Regierung zeigt noch Desinteresse auf diesem Gebiet. Aber in anderen Ländern wie der USA oder China ist die Verwendung von Kryptographie eingeschränkt. Die Beschränkungen oder Verbote von Kryptographie sind Teile des staatlichen Strebens nach Kontrolle, die meist im Namen des Verbrechens oder Terrorismus-Bekämpfung noch weiter ausgebaut werden.
Spannend wird die ganze Angelegenheit dann, wenn Ihr Datenkörper auch um biometrische Personen-Informationen erweitert wird, also um Gesichtserkennung, Iriserkennung, Fingerabdruckerkennung, Gangerkennung oder Stimmerkennung. Sollte sich diese Digitalisierung und Speicherung unserer Körper durchsetzen, dann werden wir zu “digitalen Untertanen”. Denn es gibt eine übergeordnete – unsichtbare – Kontroll-Instanz, die alle unsere Bewegungen, alle unser Handlungen überwacht. Aber da all dies ja nur zu unserem Wohl geschieht und als Schutz unserer persönlichen Daten und Freiheit – wird auch nicht pas… Moment es klingelt gerade, ich glaub sie holen mich…
Von der guten Seite der Macht
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 4. Mai 2007
Heuer treten verfrühte Frühlingsgefühle auf. Können Sie sich eigentlich noch erinnern an DÖF mit „Ich bring die Liebe mit!” – Ja? Im Business allerdings regiert doch mehr der Hass.
Nett zu sein ist eine Schwäche, nur die Harten, Starken und Bösen kommen durch (Das meint schließlich schon die Evolutionstheorie, wobei der Tyrannosaurus dieser These sicher widersprechen würde).
Und während draußen seit einem Monat die Sonne lacht, sehe ich nur Schlechtwetter und Grant in den Gesichtern der U-Bahnfahrer dieser Stadt. Damit bereiten sich die Fahrgäste auf den kommenden Arbeitstag vor, um mit finsterer Miene mehr Erfolg zu haben.
Böse zu sein zahlt sich aus. Böse zu sein ist bereits eine Karriere- und Businessstrategie geworden. Mobbing zum durchaus anerkannten Instrument der Mitarbeiter Regulierung und die Ellbogentechnik führt nicht nur im Slalom zu den Spitzenplätzen.
Böse Mädchen kommen bekanntlich überall (hin), während die Braven es nur in den Himmel schaffen. Das Marketing strotzt voller Kriegsvokabel: da schickt man den Kampfpreis in die Schlacht mit dem Konkurrenten, hat ein Arsenal an Waffen zur Verfügung und eine prall gefüllte Kriegskassa.
Der Falter erzielt sein alljährliches Auflagenhoch mit „Best of Böse”; überall gibt es Anleitungen zum Zicken-Terror oder Schlampen-Alarm.
Das Böse ist eben immer und überall (Aufmerksame Leser erkennen hier schon das dritte Songzitat dieser Kolumne).
In unserer Ellbogen-Gesellschaft zählt jeder nur mehr sicher auf sich selbst, und zielt als Klein-Tell dabei nicht auf den Apfel, sondern gleich auf den Kopf; um einen potentiellen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.
Können Sie sich eigentlich noch an die Prähistorie des Internet erinnern: Damals sprach man von Netiquette, also dem Nettsein im Internet. Wenn man sich allerdings heute die Postings auf ORF Online oder Standard.at durchliest, dann sieht man rasch, dass es sich hinter der Maske der Anonymität offenbar leichter böse sein lässt.
Ich breche diesmal eine Lanze (oder ein Licht-Schwert) für das Nette. Also die gute Seite der Macht. Ganz ehrlich – wann waren Sie zum letzten Mal so richtig nett zu jemand? Wann haben Sie den Anzeigen-Keiler gut behandelt, die Kassiererin am Supermarkt als Person betrachtet und zu einem ganz normalen Termin Blumen und Schokolade mitgebracht?
Und ich spreche von nett sein ohne Hintergedanken – das fällt uns besonders schwer. Also nicht Networking (kommt eben nicht von nett), wo man mit Small Talk Freundlichkeit heuchelt, jedoch nur auf den Endzweck – den persönlichen Vorteil – bedacht ist. Nein, ich meine einfach grundlos höflich, freundlich und nett zu sein.
Und ist die böse Seite nicht stärker? „Nein. Nein…nein. Schneller, leichter, verführerischer,” sagt Meister Yoda. Doch auch mit Freundlichkeit, einem Lächeln und Blumen lässt sich gutes Business machen. Probieren Sie es doch einfach aus.
Ich möchte Linda Kaplan Thaler und Robin Koval für die Inspiration zu diesem Kommentar danken, und verspreche, das nächste Mal wieder zu Zynismus zurück zu kommen.
Brave New Virtual World
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 17. März 2007
Kennen Sie eigentlich Svarga? Nein? In welcher Welt leben Sie denn? Offenbar nicht in der virtuellen. Svarga liegt in einer virtuellen Computerwelt namens »Second Life«. Vor sechs Jahren wurde sie von »Linden Lab« erschaffen, und seither haben knapp 3 Millionen Siedler ein neues, besseres „Second Life“ begonnen. Aber was steckt hinter diesen virtuellen Fluchtträumen auf den Bildschirmen?
In dem 1932 geschriebenen Roman „Schöne neue Welt“ beschreibt Aldous Huxley eine Gesellschaft in der „Stabilität, Frieden und Freiheit herrschen“ – allerdings durch Konditionierung des Einzelnen, dem Fehlen von echten Gefühlen und der Beschränkung von Kultur und Religion. Sehen wir jetzt in den virtuellen Parallelwelten wie „Second Life“ oder „World of Warcraft“ eine schöne neue Welt, vielleicht sogar ganz ohne Wenn und Aber?
Wir erleben heute eine neue Welle der Immigration bzw. der Emigration – und ich meine damit keine illegalen Grenzgänger – sondern die so genannten „Digital Immigrants“.
Also die Einwanderer in eine neue bessere digitale Welt – es erinnert ein wenig an die Goldgräberstimmung und den Aufbruch zum Klondike – auch hier werden nur Wenige reich und die Meisten bleiben mit ihren Träumen alleine zurück.
Ist die Flucht in das Virtuelle zugleich ein Blick in unsere Zukunft? Ist Second Life die begehbare und erlebbare Glaskugel, um bereits heute Zukunft am eigenen – oder eben am virtuellen – Leib zu erfahren? Und welch schöne neue Welt wartet dort auf uns: Friede, Freiheit und alle Menschen können auch noch fliegen.
Die Einwanderer in Second Life erschaffen sich eine völlig neue Identität: Name, Geschlecht, Aussehen sind frei zu gestalten. Ein so genannter Avatar wird zum Alter Ego, der in dieser neuen Welt leben darf – frei von Sorgen.
Denn niemand braucht zu altern, niemand muss sterben, niemand wird krank, es gibt keine Umweltverschmutzung, keinen Hunger und keine Krieg. Körperteile lassen sich nachkaufen und wechseln wie Kleiderstücke: Trage ich heute große Brüste oder doch kleine – steht mir der Waschbrettbauch oder die Bierwampe besser? Täglicher Körper-Wechsel ist kein Problem.
Dieser neuen Welt bleibt auch der Konsum nicht fern – denn irgendetwas muss man ja auch erleben. Es gibt echte Wirtschaftsabläufe, eine eigene Währung – den „Linden Dollar“ – die auch in reales Geld zurückgetauscht werden kann. Anfang 2007 wurde pro Tag eine Million Dollar ausgegeben. Über 20.000 Teilnehmer sind gleichzeitig in dieser Parallel-Welt unterwegs. Immer mehr reale Unternehmen eröffnen Niederlassungen: Der Springer Verlag produziert täglich die digitale Zeitung „Avastar“, die schwedische Botschaft hat ihre Pforten eröffnet, es gibt Banken und Flagshipstores von Adidas, Puma oder Sony. 14.000 Geschäfte sind bereits aktiv. Avatare bieten ihre Dienstleistungen an – von Singen, Werbung bis hin zum Bauen von Häusern – und dafür gibt es Geld. Wächst hier die virtuelle mit der realen Welt zusammen?
Ist das die Erfüllung einer Utopie – ist Second Life oder World of Warcraft einer dieser Nicht-Orte, die bisher nur als Gedanke und Idee existierten - ein erfüllter und begehbarer Wunschtraum? Eine echte schöne neue Welt? Oder ist es doch nur eine Dystopie – eine Gesellschaft die sich zum Negativen entwickelt?
Denn bei allen schönen Visionen der virtuellen Welt – bleibt doch vielfach ein Realitätsverlust zurück. Der Rückzug wird zur Abhängigkeit, das Aufhören zum Entzug. Das reale Leben hat keine Bedeutung mehr und ist nur mehr lästiges Beiwerk – denn leider muss man noch essen und manchmal schlafen, auf waschen lässt sich verzichten. Und echte soziale Kontakte oder gar familiäre Verbindungen lassen sich für den „Digital Immigrant“ nicht aufrechterhalten.
Aber verständlich oder? Wenn der Herr der 40-köpfigen Gilde – nachdem er gerade einen Feuer speienden Drachen erlegt hat – von seiner Frau hört: „Zieh die Schuhe aus, trag den Müll raus“, wird verständlich warum man von Hausdrachen spricht.
Wird aus Second Life einmal unser Real Life? – Werden Geschäfte nur mehr virtuell geknüpft, besiegt Cyber Sex alle bösen Geschlechtskrankheiten und treffen wir unsere Freunde und unsere Kinder nur mehr in teleoptischer Präsenz? Vielleicht…
Aber leben wir dann auch noch?
Lebst du noch oder xingst du schon?
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 12. Februar 2007
Ich gestehe: Ich bin dabei. Wer will nicht auch vernetzt sein: endlich alle seine alten Freunde wieder finden, verflossene Geliebte aufwärmen, neue Beziehungen jeder Art knüpfen und das große Geschäft machen. Willkommen in der Welt der sozialen Netzwerke: Familie, Freundeskreis, Dorf-Gemeinschaft oder Vereine haben ausgedient, heute bist nur jemand, wenn du bei Xing, My Space, facebook, Frienstler, StudiVZ, oder den Lokalisten dabei bist.
Das romantische „Du entschuldige i kenn di, bist du net die klane die i scho als Bua gern g’hobt hob.“ von Peter Cornelius wird zum millionenfach gedrückten „einladen“ „vorstellen“ Button. Endlich können wir uns mit all diesen Leuten vernetzen, die wir schon früher nicht leiden konnten. Macht nichts, Hauptsache sie haben viele Buddys, Kontakte und Freunde. In Zukunft wird wohl auch unser soziales Ansehen von der Anzahl der Kontakte in Social Software Systemen abhängig sein.
Dem Erfolg der Business-Lobbying Plattformen wie Xing ist neben der Social Software das umstrittene Phänomen der kleinen Welt, das 1997 von Soziologen Stanley Milgram geprägt wurde. Vereinfacht ausgedrückt besagt es, dass jede einzelne Person nur 6 Personen entfernt ist. Das heißt also, sie möchten Bill Gates kennen lernen, dann müssen Sie nur die fünf Personen vor ihm kennen lernen.
Soweit die Theorie, die wirklich wunderbares verspricht. Aber irgendwie haben sich die Reichen und Schönen dieser Welt noch nicht in die sozialen Netzwerke verirrt. Meine verzweifelte Suche nach dem Xing oder Frienster Eintrag von Gisele Bündchen, Jennifer Lopez oder Shakira brachte jedenfalls noch keine Ergebnisse.
Es ist fast schon uncool echte Freunde zu haben. Obwohl um Freundschaft geht es in solchen Netzwerken ohnehin nicht: Bei Xing will jeder nur etwas verkaufen (und sei es nur sich selbst) und bei privaten Plattformen wie Lokalisten und Co. geht es auch um Eigenmarketing, und zwar für eine schnelle Nummer. Aber Vorsicht: der interaktiv angebandelte Intercoitus könnte rasch zum peinlichen Interruptus führen. Dann nämlich, wenn bei der virtuellen Identität etwas nachgeholfen wurde und die Kluft zur Realität unüberwindbar wird.
Hat früher maximal der Wonderbra stehende Träume in die schlaffe Wirklichkeit verwandelt, ist jetzt gleich die gesamte Packung samt Inhalt gemogelt. Fotos sind selten authentisch, mit dem Alter wird geschummelt, das Geschlecht – naja so genau müssen wir es ja nicht nehmen -von Familienstand und echten Absichten einmal ganz zu schweigen.
Automatisierte Geburtstagsgrußkarten, Freundschaftspflege-Tools und Beziehungsmanagement-Software – alles wird digital und virtuell. Nur keinen echten Kontakt mehr – naja wir wissen ja ohnehin nicht genau, wer sich hinter sexy_shakira_23 verbirgt.
Pamela und Busenbauer
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 2. Oktober 2006

Heute sollte ich eigentlich zum Thema Wahlergebnis 2006 schreiben. Aber ganz ehrlich Genossen, die einzige große Koalition die mich jetzt noch interessiert ist zwischen der linken und der rechten von Pamela.
Pamela Anderson – zwischenzeitliche Ms Lee und unbestritten schönste Boje von Baywatch – hat eine besondere Bedeutung für das Internet. Pamela Anderson steht im Guiness Book of Records als meist erwähnte Frau im Internet und Lycos führt sie als Top gesuchte Person des letzten Jahrzehntes.
Die Titten der Pamela Anderson sind der heilige Gral des Internet – an ihrem Busen labt sich der unsterbliche Mythos „Sex sells“
Durch ständige Expansion ihrer Oberweite hat sie auch die Nachfrage ständig gesteigert. Offiziell 4 Mal haben die Schönheitschirurgen in LA nachgeholfen und ihr gewaltige 80DD auf die Brust geschnallt – horizontal verteilt auf 165 cm vertikale Höhe.
Aber warum gerade dieser eine – nein ich verbessere mich: diese zwei. Brüste gibt es bekanntlich in allen Farben und Formen, straff oder schlaff, stehend oder hängend, höpfend oder wogend, hart oder kuschelig. Mann bezeichnet sie als Busen, Brüste, Möpse, Titten, Dutteln, Euter, Vorbau, Balkon, Glocken, Dinger, Boobs, Tittis, Zwillinge, Milchtüten, Melonen, Äpfel oder Birnen und passend dazu viel Holz vor der Hütte.
Doch Pam & Anderson oder Bay & Watch sind eben doch die Ballons der Träume, die Sei-fenblasen junger Mädchen, die die Schönheits-Ops stürmen. Ordentlich die Körbchengröße erhöhen und schon klingelt es im Körbchen – naja zumindest beim Pamela auf jeden Fall.
Moral aus dieser Wahltags-Analyse: Egal ob rechts oder links, natur pur oder Silikon nur, Wonderbra oder wunderbar, hauptsache die Aussichten sind gut.
Der Angriff der Amphibien-Handys
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 18. September 2006
An jeder Ecke lauern sie – die universellen Killerapplikationen, die unerschrockenen Kämpfer für eine konvergente Zukunft. Sie schlucken alle Geräte in ihren unersättlichen Bauch und erschaffen so amphibische Handy-Monster.
Alle reden seit Jahrzehnten nur von Konvergenz – aber wo bleibt sie und was bringt sie – reicht uns in Zukunft wirklich ein einziges Gerät um unser gesamtes Leben zu meistern?
Handys sind ja wirklich multitasking-fähig (und damit eindeutig weiblich): Fotos, Videos, Navigation, Stoppuhr, Währungsrechner, Spiele, Fiebermesser, Höhenmesser, Pulsmesser gehören bereits zur Serien-Ausstattung. Pfefferspray, Schwangerschaftstest, Regenschirm und Schuhputz-Aufsatz gibt es gegen Aufpreis.
Überall predigen die Propheten der konvergenten Zukunft: Das Handy, das universelle mobile Endgerät, es vereinigt Fotoapparat, DVD-Player, Laptop, mit integriertem Beamer und projizierbarer Tastatur. Vielleicht kann man auch noch telefonieren…
Die eierlegende Wollmilch-Sau zu schlachten und damit den Konvergenz-Braten schlechthin zu machen, davon träumen sie alle.
Im Jahr 2000 hat eine berühmte Futurologin (oder Futuristin) geweissagt: „In spätestens 5 Jahren sehe ich mir im Fernsehen Ally McBeal an. Das Outfit, das sie trägt gefällt mir. Also lege ich meine Hand auf den Bildschirm. Sie unterbricht die Sendung und fragt „Faith, gefällt dir mein Kostüm? – Es ist in Rot, Dunkelblau oder Schwarz lieferbar.“ Ich sage Ally, dass ich das Schwarze möchte; aber sie antwortet „du hast schon zu viel Dunkles im Kasten – nimm doch das Rote“ Ich stimme zu und am nächsten Morgen, wird das rote Kostüm in meiner Größe nach Hause geliefert.“
6 Jahre später – ist Ally McBeal wegen Bulimie-Gefährdung eingestellt und der Fernseher ist weiterhin nur ein Fernseher.
Den Kamerawinkel auszuwählen bei der Derby-Übertragung, das soll die „brave new world“ des interaktiven Fernsehens sein. Nein danke! Denn ganz ehrlich, ich habe einfach mit Bierflasche und Chipspackerl beide Hände voll und überlasse diese Dinge lieber bezahlten Regisseuren.
Das Flugauto und das Amphicar sind unglaublich faszinierende Erfindungen, die immer wieder in Sensationsmeldungen durch die Medien geistern. Problem – wie bei allen Konvergenz-Erfindungen – sie fahren sich wie ein Schiff und schwimmen wie ein Auto.
Die Natur strebt nach Divergenz und nicht nach Konvergenz, deshalb gibt es auch hunderte Hunde, Katzen und Pferderassen – aber nur wenige Katzenhunde, Pferdekatzen, Hundepferde…
Das Internet ist natürlich wie so oft der Rettungsring der sinkenden Konvergenz-Dampfplauderer – denn hier lässt sich noch viel besser alles vereinen: Fernsehen, Musik, Radio, Zeitung, Telefon.
Doch hier wird der generelle Fehler begangnen, das Internet als Medium miss zu verstehen und nicht als Marktplatz: Und dort wird verkauft – und auch in Zukunft eine divergente Masse an Produkten – Fotoapparate, Fernseher, Beamer, Autos, Schiffe, Telefone, Regenschirme…und alle werden gute Geschäfte machen…
Geschrieben für den Datenkraft NL 09/06
Kritik der reinen Belanglosigkeit
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 26. August 2006
Niemals wurde so viel geredet wie heute, niemals wurde so viel geschrieben wie heute, niemals wurde so viel publiziert wie heute. Schade, dass allerdings auch noch niemals so wenig dabei ausgesagt wurde – wie heute. Willkommen in der Galaxie der Belanglosigkeit.
Weblogs, Blogs, Chat, Foren Newsgroups & Co. schießen wie die Schwammerl aus dem feuchten Waldboden des Internet, voll gefüllt mit Nullaussagen, Luftschlössern und Gequatsche, Floskel, Höflichkeitsformeln und abgedroschenen Ideen. Big Brother Teil 34, Tango Star 8, Flopmania 21 oder Hausfrau sucht Nacktputzer – die belanglose Berieselung setzt sich im täglichen Fernsehprogramm konsequent fort.
Das Problem – und das erkannt bereits Neil Postmann – ist ja nicht, dass wir uns mit unterhaltsamen Themen beschäftigen, sondern, dass jedes Thema als Unterhaltung präsentiert wird. Kriege wirken im TV wie Videospiele, im Videospiel sind sie allerdings spannender und realistischer – Geld wird völlig willkürlich in den Spielhallen der großen Börsen vergambelt.
Politiker produzieren reihenweise Satzungeheuer, die absolut keine Botschaft transportieren. Da hilft es auch nicht, wenn man „Ich sage in aller Klarheit“ davor setzt.
Und leider ist selbst im Business die Unsitte bereits gang und gebe: Der Boom der Coaches, Berater, Mediatoren zeigt wie wichtig die Belanglosigkeit in den Unternehmen geworden ist. Dabei wird stundenlang um den heißen Brei herum geredet, denn das ist offenbar besser als die Suppe auszulöffeln.
Wer Dinge auf den Punkt bringt, gilt als Arrogant, wer schnelle Entscheidungen sucht, macht sich der Oberflächlichkeit schuldig. Es ist wirklich ein Paradoxon unserer Zeit, dass wir in immer weniger Zeit immer mehr Zeit vergeuden.
Aber wir brauchen keine Besserwisser, Klugscheißer oder Dummschwätzer. Heute sind wieder Macher gefragt! Es geht darum Verantwortung zu übernehmen und dann dazu zu stehen.
Nutzen Sie bitte auch das World Wide Web mit Verantwortung und verschmutzen Sie es nicht als Container für belanglose Informationen. Im Internet werden schließlich Geschäfte gemacht und da kommt es darauf an, zum Abschluss zu kommen. Fazit: Wer prägnant und relevant ist, der wird auch mehr verkaufen. Basta!
Genug mit dem Geschwätz!
Geschrieben für Datenkraft NL 05/06
Die Kritik der reinen Geschwindikeit
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 24. August 2006
Schnell, schneller am schnellsten – die reine Geschwindigkeit ist der Erfolgsfaktor des 21. Jahrhunderts.
Speed thrills und Speed kills – Geschwindigkeitsrausch, Arbeiten in Bestzeit, keine Wartezeiten, jederzeit und sofort – die Macht der Geschwindigkeit erotisiert wie nichts anderes, auf der Strecke bleiben alle Langsamen, überrollt vom InterCity der rastlosen Gesellschaft.
Wir stellen immer mehr und mehr fest, dass Zeit unser kostbares Gut ist. Deshalb gilt: nur keine Zeit verlieren oder gar vergeuden, lieber Multitasking, Power-Reading und Time-Management. Die Zeit gut nutzen heißt schnell sein.
Denn in der Tat dient Geschwindigkeit nicht mehr ausschließlich der einfacheren und schnelleren Fortbewegung, sie dient in erster Linie dazu unsere Welt zu hören, wahrzunehmen und in ihr zu handeln.
Früher war die Gegenwart ein lang andauernder Zeitraum, heute ist schon der Nachrichtenblock der letzten Stunde Vergangenheit. Der immer kürze Transit zwischen Vergangenheit und Zukunft, tötet die Gegenwart und führt zum Phänomen der Echtzeit.
An Stelle der alten Tyrannei der Entfernung zwischen geographisch verstreut arbeitenden Firmen tritt heute die Tyrannei der Echtzeit. Wer nicht sofort reagiert, hat schon verloren – denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder sogar die Geschichte.
Aber ohne Vorher und ohne Nachher – gibt es kein Vor- und kein Nachdenken, sondern nur mehr ein Handeln im echtzeitigen Augenblick.
Im Internet ist die Geschwindigkeit ohnehin das Maß aller Dinge: Breitband-Anschluss, Live Wetten, Live Streaming, Podcast, Chats, & Co. – im Internet tickt nur die Real-Time-Uhr. Und jeder der nicht up to date ist – ist bereits Schnee von gestern.
Nicht vergessen: Da der Augenblick de facto außerstande ist zu verweilen, (außer im Bund mit dem Mephisto), müssen Sie verdammt schnell sein um im Internet Erfolg zu haben. Dafür werden Sie auch nirgends so schnell so reich …
Kritik der reinen Unverbindlichkeit
Verfasst von Robert Seeger unter E-Philosophie am 22. August 2006
Ein Handschlag hat heute zwar zum Teil noch Qualität – selten aber hält die Abmachung länger als der Händedruck selbst. Nix ist fix und alles am Besten mit Soft Storno: Willkommen im Zeitalter der reinen Unverbindlichkeit.
Die ständige auch mobile Erreichbarkeit macht scheinbar fixe Zusagen unnötig – Handy, PDA oder Laptop geben uns die trügerische Freiheit endlich völlig spontan leben und handeln zu können. Wer will sich denn noch einen fixen Zeitpunkt ausmachen, wenn man sich doch schnell zusammenrufen kann.
Wir sind von der ständigen Sorge zerfressen in unserer Erlebnis-Gesellschaft den besseren Event zu versäumen und halten uns gern alle Möglichkeiten offen.
Jede noch so kleine Verbindlichkeit empfinden wir als einen massiven Einschnitt in unsere individuelle Freiheit. Warum den Spielfilm um 20:15 anschauen, wenn es Video-on-demand gibt. Warum die permanente Installation Ehe, wenn es Sex-on-demand gibt. Und warum einen Einkauf planen, wenn es 24 Stunden Ladenöffnung gibt.
Ein soziologischer Trend der sich konsequent ins Business-Leben überträgt. Teilzeit statt Vollzeit, Aushilfe statt Angestellter – flexible statt fixe Arbeitszeiten: nur keine Bindung und keine Verpflichtungen.
Die Folge: Unloyale Mitarbeiter, und noch viel unloyalere Geschäftspartner. Denn warum einen Agentur-Vertrag abschließen, wenn es Soft-Storno gibt?
Warum einem Partner langfristig vertrauen, wenn Wettbewerbspräsentation doch Abwechslung und gratis Spaß in die Firma bringen.
Offenbar ist nicht mehr Kontinuität, sondern Unverbindlichkeit gefragt: Agenturen kommen, Agenturen gehen – gelenkt offenbar nach dem Motto „Neue Besen kehren besser“ – statt irgendwann darüber nachzudenken, woher der Dreck überhaupt kommt.
Innovationen und echter wirtschaftlicher Erfolg entstehen durch strategische Planung, langfristiges Denken, mehrjährige Zielen und Zeit zum Reifen – das sollten sich die Marketing-Leiter einmal auf ihren PDA schreiben, statt auf die Quartalszahlen und Headhunter zu warten.
Geschrieben für den Datenkraft NL 03/06