SpielKunstGlück – Universitärer Kongreß

Georges de la Tours, Falschspieler mit Karo-Ass

Georges de la Tours, Falschspieler mit Karo-Ass

Theoretisch ist die Voraussetzung für eine Wette eine Meinungsdifferenz, ein Widerspruch. Die verschiedenen Meinungen müssen sich aber auf denselben Streitgegenstand beziehen, das ist die Voraussetzung für die Einigung auf eine Wette. Wenn A dies sagt und B jenes, und zwar über denselben Gegenstand, können sich beide auf eine Belohnung, den vorher festzulegenden Wetteinsatz, für den einigen, der recht behält. Das Rechtsempfinden verlangt, daß der Verlierer diese Belohnung dem Gewinner gibt, damit der Mechanismus auf beide gleich angewandt werden kann. Die Möglichkeit, das Wetten ins Unendliche auszudehnen, beruht nun darauf, daß die andere Meinung nicht als faktische Voraussage eines anderen Ergebnisses formuliert werden muß, sondern in einem bloßen Nein bestehen kann. Damit kann zur Wette werden, wenn jemand unter Hinterlegung eines Wetteinsatzes voraussagt, dieses Pferd nimmt bei einem Rennen einen bestimmten Platz ein oder dieser Fußballverein gewinnt gegen einen anderen. Der Wettgegner wird anonym, eine Maschinerie, die den Einsatz nach dem Ergebnis entweder einbehält oder in einem festgelegten Verhältnis vervielfacht. Die Lotterie wird gar nicht mehr als die Wette empfunden, die sie eigentlich ist.
Daher kann man auch allein wetten, indem man etwas voraussagt, zu dem das Nein als bloße Folge der Ungewißheit die natürliche Entgegensetzung ist. Man kann so gegen alles wetten, das Wetter, die Zukunft, das Schicksal, Gott. Wer eine Ehe eingeht, wettet, daß sie halten wird, auch wenn die Statistiken, was die Großstädte betrifft, ihr über 50prozentiges Scheitern vorhersagen. Wie viele Unglücksfälle sind auf solche inneren Wetten zurückzuführen? Auf den Gipfel komme ich, diese Abfahrt schaffe ich, diese Kurve kriege ich? Wer Kunstgeschichte studiert, wettet, daß er das Studium beruflich verwerten kann, und die ganze Verwandtschaft setzt insgeheim dagegen. Wie sonst als mit dem Wettgedanken sind die Spekulationen zu erklären, die ganze Wirtschaftszweige in den Abgrund reißen, wie sonst, daß sich Aids immer noch ausbreitet?
Es ist evident, daß mit dem Wetten noch etwas anderes verbunden ist als die bloße Hoffnung auf einen Gewinn. Wetten verspricht Spannung, Nervenkitzel, das Gefühl der Überlegenheit schon vor dem (möglichen) Gewinn, die Stärkung des eigenen Ichs in Form der Selbstversicherung mittels einer angesagten sieghaften Aktivität, des Modus der Überlegenheit. Selbst die Gefahr des Verlierens bringt einen Imagegewinn in Form des Heroismus einer Risikobereitschaft, die nicht jeder zu tragen bereit wäre. Wetten ist möglicherweise das geheime Leitmotiv unseres Lifestyles. Das könnte die logische Folge der zeitlichen Verkürzung und inhaltlichen Kompetenzreduktion heutiger Prognosen sein. Ihre Invalidität betrifft nicht nur die Ehe, sondern ganze Lebensentwürfe. In welchem Bereich gibt es noch die Abfolge Abitur, Studium, lebenslange Anstellung mit hohem Einkommen und entsprechender Pension? Das Verschwinden derartiger Voraussagen begünstigt den Geist des Wettens. Im Grunde wetten wir alle, andauernd, und manchmal gewinnen wir, manchmal verlieren wir. Das Leben ist zum Glücksspiel geworden, aber zu einem, bei dem wir mitwetten wollen anstatt bloß zu hoffen.
Das Institut für Kunstgeschichte veranstaltet immer wieder Kongresse zu aktuellen Themen. Im letzten Jahr ging es unter dem Titel „Abfallmoderne“ um den Zusammenhang zwischen Kunst und Abfall. In diesem Jahr soll es unter dem Titel „SpielKunstGlück“ um das Spiel mit dem Glück, insbesondere das Wetten im beschriebenen Sinn, und die Kunst gehen. Termine sind 15./16. Juni, die 30minütigen Beiträge der Teilnehmer sollen in einem Kongreßband anschließend erscheinen. Ermöglicht wird der Kongreß durch den Sponsor Interwetten in Wien. Für Realisierung und Organisation ist Robert Seeger, für die Leitung und Herausgabe des Kongreßbandes Johann Konrad Eberlein verantwortlich.
Text verfasst von Johann Konrad Eberlein

Permalink