Wer bremst verliert: Die Sklaverei der Echtzeit

Im Business gibt es eine neue Todsünde: Nicht-Erreichbarkeit. Das Unaufgeforderte Du-Wort, die zerrissene Jean, Unpünktlichkeit – alles wird verziehen, aber wehe, wehe du bist nicht ständig greifbar. SMS beim Coitus, E-Mails zum Frühstücks-Müsli, Handy-Gespräch bei der Morgen-Sitzung (sogenanntes Mobile Shitting) – wir sind alle zu Sklaven der Echtzeit verkommen. Wer nicht binnen Stunden-Frist auf ein E-Mail antwortet, wird des Nichtstuns bezichtigt und mit zwei weiteren Remindern bombardiert – nur der vorgetäuschte Server-Crash kann die Antwort-Zeit eventuell auf 24 Stunden ausdehnen. Immer erreichbar, immer verfügbar, stets bereit (Das I-Phone als technisches Viagra für für den Dauer-Stand-by). Arbeitszeiten und Arbeitsorte werden grenzenlos und gehen in Richtung unendlich. Semper et ubique sind die Arbeitskräfte der Gegenwart. Die neuen Helden der Arbeit brauchen ihre Kraft vor allem für die ständige Erreichbarkeit, das beantworten unsinniger E-Mails, das Getrieben-Sein und das permanente Gefühl zu spät dran zu sein.
Innehalten? Ruhe? Stille? Nachdenken? Die großen Tabus in unserer hektischen Arbeitswelt. Wer sich selbst bewusst verlangsamt, gilt als Loser – als Mensch 1.0. Niemand, sagen die klugen Verfasser der kritischen Blogs und Social Webs, wird leugnen, dass nur die Schnellen und Vernetzten und Erreichbaren gewinnen. Ich bin dieser niemand, ich leugne es gerade zu.

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