Brave New Virtual World

Kennen Sie eigentlich Svarga? Nein? In welcher Welt leben Sie denn? Offenbar nicht in der virtuellen. Svarga liegt in einer virtuellen Computerwelt namens »Second Life«. Vor sechs Jahren wurde sie von »Linden Lab« erschaffen, und seither haben knapp 3 Millionen Siedler ein neues, besseres „Second Life“ begonnen. Aber was steckt hinter diesen virtuellen Fluchtträumen auf den Bildschirmen?

In dem 1932 geschriebenen Roman „Schöne neue Welt“ beschreibt Aldous Huxley eine Gesellschaft in der „Stabilität, Frieden und Freiheit herrschen“ – allerdings durch Konditionierung des Einzelnen, dem Fehlen von echten Gefühlen und der Beschränkung von Kultur und Religion. Sehen wir jetzt in den virtuellen Parallelwelten wie „Second Life“ oder „World of Warcraft“ eine schöne neue Welt, vielleicht sogar ganz ohne Wenn und Aber?

Wir erleben heute eine neue Welle der Immigration bzw. der Emigration – und ich meine damit keine illegalen Grenzgänger – sondern die so genannten „Digital Immigrants“.

Also die Einwanderer in eine neue bessere digitale Welt – es erinnert ein wenig an die Goldgräberstimmung und den Aufbruch zum Klondike – auch hier werden nur Wenige reich und die Meisten bleiben mit ihren Träumen alleine zurück.

Ist die Flucht in das Virtuelle zugleich ein Blick in unsere Zukunft? Ist Second Life die begehbare und erlebbare Glaskugel, um bereits heute Zukunft am eigenen – oder eben am virtuellen – Leib zu erfahren? Und welch schöne neue Welt wartet dort auf uns: Friede, Freiheit und alle Menschen können auch noch fliegen.

Die Einwanderer in Second Life erschaffen sich eine völlig neue Identität: Name, Geschlecht, Aussehen sind frei zu gestalten. Ein so genannter Avatar wird zum Alter Ego, der in dieser neuen Welt leben darf – frei von Sorgen.

Denn niemand braucht zu altern, niemand muss sterben, niemand wird krank, es gibt keine Umweltverschmutzung, keinen Hunger und keine Krieg. Körperteile lassen sich nachkaufen und wechseln wie Kleiderstücke: Trage ich heute große Brüste oder doch kleine – steht mir der Waschbrettbauch oder die Bierwampe besser? Täglicher Körper-Wechsel ist kein Problem.

Dieser neuen Welt bleibt auch der Konsum nicht fern – denn irgendetwas muss man ja auch erleben. Es gibt echte Wirtschaftsabläufe, eine eigene Währung – den „Linden Dollar“ – die auch in reales Geld zurückgetauscht werden kann. Anfang 2007 wurde pro Tag eine Million Dollar ausgegeben. Über 20.000 Teilnehmer sind gleichzeitig in dieser Parallel-Welt unterwegs. Immer mehr reale Unternehmen eröffnen Niederlassungen: Der Springer Verlag produziert täglich die digitale Zeitung „Avastar“, die schwedische Botschaft hat ihre Pforten eröffnet, es gibt Banken und Flagshipstores von Adidas, Puma oder Sony. 14.000 Geschäfte sind bereits aktiv. Avatare bieten ihre Dienstleistungen an – von Singen, Werbung bis hin zum Bauen von Häusern – und dafür gibt es Geld. Wächst hier die virtuelle mit der realen Welt zusammen?

Ist das die Erfüllung einer Utopie – ist Second Life oder World of Warcraft einer dieser Nicht-Orte, die bisher nur als Gedanke und Idee existierten – ein erfüllter und begehbarer Wunschtraum? Eine echte schöne neue Welt? Oder ist es doch nur eine Dystopie – eine Gesellschaft die sich zum Negativen entwickelt?

Denn bei allen schönen Visionen der virtuellen Welt – bleibt doch vielfach ein Realitätsverlust zurück. Der Rückzug wird zur Abhängigkeit, das Aufhören zum Entzug. Das reale Leben hat keine Bedeutung mehr und ist nur mehr lästiges Beiwerk  – denn leider muss man noch essen und manchmal schlafen, auf waschen lässt sich verzichten. Und echte soziale Kontakte oder gar familiäre Verbindungen lassen sich für den „Digital Immigrant“ nicht aufrechterhalten.

Aber verständlich oder? Wenn der Herr der 40-köpfigen Gilde – nachdem er gerade einen Feuer speienden Drachen erlegt hat – von seiner Frau hört: „Zieh die Schuhe aus, trag den Müll raus“, wird verständlich warum man von Hausdrachen spricht.

Wird aus Second Life einmal unser Real Life? – Werden Geschäfte nur mehr virtuell geknüpft, besiegt Cyber Sex alle bösen Geschlechtskrankheiten und treffen wir unsere Freunde und unsere Kinder nur mehr in teleoptischer Präsenz? Vielleicht…

Aber leben wir dann auch noch?

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