Lebst du noch oder xingst du schon?

Ich gestehe: Ich bin dabei. Wer will nicht auch vernetzt sein: endlich alle seine alten Freunde wieder finden, verflossene Geliebte aufwärmen, neue Beziehungen jeder Art knüpfen und das große Geschäft machen. Willkommen in der Welt der sozialen Netzwerke: Familie, Freundeskreis, Dorf-Gemeinschaft oder Vereine haben ausgedient, heute bist nur jemand, wenn du bei Xing, My Space, facebook, Frienstler, StudiVZ, oder den Lokalisten dabei bist.

Das romantische „Du entschuldige i kenn di, bist du net die klane die i scho als Bua gern g’hobt hob.“ von Peter Cornelius wird zum millionenfach gedrückten „einladen“ „vorstellen“ Button. Endlich können wir uns mit all diesen Leuten vernetzen, die wir schon früher nicht leiden konnten. Macht nichts, Hauptsache sie haben viele Buddys, Kontakte und Freunde. In Zukunft wird wohl auch unser soziales Ansehen von der Anzahl der Kontakte in Social Software Systemen abhängig sein.

Dem Erfolg der Business-Lobbying Plattformen wie Xing ist neben der Social Software das umstrittene Phänomen der kleinen Welt, das 1997 von Soziologen Stanley Milgram geprägt wurde. Vereinfacht ausgedrückt besagt es, dass jede einzelne Person nur 6 Personen entfernt ist. Das heißt also, sie möchten Bill Gates kennen lernen, dann müssen Sie nur die fünf Personen vor ihm kennen lernen.

Soweit die Theorie, die wirklich wunderbares verspricht. Aber irgendwie haben sich die Reichen und Schönen dieser Welt noch nicht in die sozialen Netzwerke verirrt. Meine verzweifelte Suche nach dem Xing oder Frienster Eintrag von Gisele Bündchen, Jennifer Lopez oder Shakira brachte jedenfalls noch keine Ergebnisse.

Es ist fast schon uncool echte Freunde zu haben. Obwohl um Freundschaft geht es in solchen Netzwerken ohnehin nicht: Bei Xing will jeder nur etwas verkaufen (und sei es nur sich selbst) und bei privaten Plattformen wie Lokalisten und Co. geht es auch um Eigenmarketing, und zwar für eine schnelle Nummer. Aber Vorsicht: der interaktiv angebandelte Intercoitus könnte rasch zum peinlichen Interruptus führen. Dann nämlich, wenn bei der virtuellen Identität etwas nachgeholfen wurde und die Kluft zur Realität unüberwindbar wird.

Hat früher maximal der Wonderbra stehende Träume in die schlaffe Wirklichkeit verwandelt, ist jetzt gleich die gesamte Packung samt Inhalt gemogelt. Fotos sind selten authentisch, mit dem Alter wird geschummelt, das Geschlecht – naja so genau müssen wir es ja nicht nehmen -von Familienstand und echten Absichten einmal ganz zu schweigen.

Automatisierte Geburtstagsgrußkarten, Freundschaftspflege-Tools und Beziehungsmanagement-Software – alles wird digital und virtuell. Nur keinen echten Kontakt mehr – naja wir wissen ja ohnehin nicht genau, wer sich hinter sexy_shakira_23 verbirgt.

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