Der Angriff der Amphibien-Handys

 An jeder Ecke lauern sie – die universellen Killerapplikationen, die unerschrockenen Kämpfer für eine konvergente Zukunft. Sie schlucken alle Geräte in ihren unersättlichen Bauch und erschaffen so amphibische Handy-Monster. 
 
 Alle reden seit Jahrzehnten nur von Konvergenz – aber wo bleibt sie und was bringt sie – reicht uns in Zukunft wirklich ein einziges Gerät um unser gesamtes Leben zu meistern?

Handys sind ja wirklich multitasking-fähig (und damit eindeutig weiblich): Fotos, Videos, Navigation, Stoppuhr, Währungsrechner, Spiele, Fiebermesser, Höhenmesser, Pulsmesser gehören bereits zur Serien-Ausstattung. Pfefferspray, Schwangerschaftstest, Regenschirm und Schuhputz-Aufsatz gibt es gegen Aufpreis.

Überall predigen die Propheten der konvergenten Zukunft: Das Handy, das universelle mobile Endgerät, es vereinigt Fotoapparat, DVD-Player, Laptop, mit integriertem Beamer und projizierbarer Tastatur. Vielleicht kann man auch noch telefonieren…

Die eierlegende Wollmilch-Sau zu schlachten und damit den Konvergenz-Braten schlechthin zu machen, davon träumen sie alle.

Im Jahr 2000 hat eine berühmte Futurologin (oder Futuristin) geweissagt: „In spätestens 5 Jahren sehe ich mir im Fernsehen Ally McBeal an. Das Outfit, das sie trägt gefällt mir. Also lege ich meine Hand auf den Bildschirm. Sie unterbricht die Sendung und fragt „Faith, gefällt dir mein Kostüm? – Es ist in Rot, Dunkelblau oder Schwarz lieferbar.“ Ich sage Ally, dass ich das Schwarze möchte; aber sie antwortet „du hast schon zu viel Dunkles im Kasten – nimm doch das Rote“ Ich stimme zu und am nächsten Morgen, wird das rote Kostüm in meiner Größe nach Hause geliefert.“

6 Jahre später – ist Ally McBeal wegen Bulimie-Gefährdung eingestellt und der Fernseher ist weiterhin nur ein Fernseher.

Den Kamerawinkel auszuwählen bei der Derby-Übertragung, das soll die „brave new world“ des interaktiven Fernsehens sein. Nein danke! Denn ganz ehrlich, ich habe einfach mit Bierflasche und Chipspackerl beide Hände voll und überlasse diese Dinge lieber bezahlten Regisseuren.

Das Flugauto und das Amphicar sind unglaublich faszinierende Erfindungen, die immer wieder in Sensationsmeldungen durch die Medien geistern. Problem – wie bei allen Konvergenz-Erfindungen – sie fahren sich wie ein Schiff und schwimmen wie ein Auto.

Die Natur strebt nach Divergenz und nicht nach Konvergenz, deshalb gibt es auch hunderte Hunde, Katzen und Pferderassen – aber nur wenige Katzenhunde, Pferdekatzen, Hundepferde…

Das Internet ist natürlich wie so oft der Rettungsring der sinkenden Konvergenz-Dampfplauderer – denn hier lässt sich noch viel besser alles vereinen: Fernsehen, Musik, Radio, Zeitung, Telefon.

Doch hier wird der generelle Fehler begangnen, das Internet als Medium miss zu verstehen und nicht als Marktplatz: Und dort wird verkauft – und auch in Zukunft eine divergente Masse an Produkten – Fotoapparate, Fernseher, Beamer, Autos, Schiffe, Telefone, Regenschirme…und alle werden gute Geschäfte machen…

Geschrieben für den Datenkraft NL 09/06

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